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Rosa Luxemburg

 

freie Frau in einer Welt, in der Frauen weniger erlaubt war;

Intellektuelle in einer Welt, die Bildung und Klugheit nur Männern zuschrieb;

politische Anführerin in einer von Männern regierten Welt;

Sozialistin in einer Welt des aggressiven Kapitalismus;

unabhängig von Küche, Kirche und Kindern, umgeben von einer Mauer aus spießbürgerlichen Angewohnheiten;

Jüdin und Emigrantin im Angesicht eines erstarkenden Antisemitismus und Nationalismus;

einsame Kriegsgegnerin inmitten von Millionen Anhängern von Militärparaden und Geschützkanonaden.

Rosa Luxemburg ist keine eindeutige Gestalt mit einem antiquiert verfassten Lebenslauf. Diese Persönlichkeit spiegelt die stürmische Epochengeschichte wider und weckt auch weiterhin viele Emotionen, ja sogar Kontroversen, und ihre Biographie stellt einen Eintrag in die postmoderne Landschaft der Gegenwart dar.

Sie wurde am 5. März 1871 in Zamość geboren.
Ihre Familie zog nach Warschau, hier legte sie 1887 das Abitur ab. Bereits zu Schulzeiten gehörte sie am Mädchengymnasium einer sozialistischen Jugendorganisation an. Aus Furcht vor Verhaftung reiste sie 1889 illegal ins Ausland, wählte das Exil in der Schweiz. 1890 nahm sie ihr Studium an der Universität Zürich auf. Zu Beginn studierte sie Naturwissenschaften, doch nach zwei Jahren wechselte sie an die Fakultät für Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. 1897 verteidigte sie ihre der Industrieentwicklung im Königreich Polen gewidmete Doktorarbeit. Zu jener Zeit galt sie bereits als Haupttheoretikerin der Sozialdemokratie des Königreich Polens (seit 1900: Sozialdemokratie des Königreich Polens und Litauens - SDKPiL). Nach ihrem Umzug 1899 nach Berlin wurde sie auch Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Sie wurde führende Denkerin und Aktivistin der SPD, wie auch Anführerin des linken Parteiflügels.

Problemstellungen, derer sich Rosa Luxemburg annahm, hatten überstaatlichen undübernationalen Charakter.  Sie untersuchte den ihr gegenwärtigen Kapitalismus (u.a. in ihrer vor dem Ersten Weltkrieg herausgegebenen Abhandlung „Die Akkumulation des Kapitals“) sowie den mit ihm einhergehenden Kolonialismus und auch Militarismus. Im Zuge ihrer Kritik an der auf Ausbeutung beruhenden Gesellschaftsordnung, verstand sie es, das Postulat der sozialen Gerechtigkeit mit den Idealen Freiheit und Demokratie zu verbinden. In der in ihrem letzten Lebensjahr verfassten Broschüre „Über die Oktoberrevolution“ warnte sie vor den katastrophalen Folgen der Parteidiktatur und betonte, dass es keinen Sozialismus ohne Demokratie geben könne. Eben diesen Text nutzten in Polen u.a. Vertreter der nach Oktober 1956 entstandenen Erneuerungsbewegung wie auch die sich aus akademischen Kreisen rekrutierende demokratische Opposition der 1960er Jahre. Ebenso gern berufen sich heutige Anhänger des demokratischen Sozialismus auf das Werk Rosa Luxemburgs.

Rosa Luxemburg verband die Theorie mit dem praktischen Wirken und sah sich dafür Repressionen ausgesetzt. Ende Dezember 1905 gelangte sie mit einem geliehenen Reisepass in die Revolutionswirren Warschaus.  Nach drei Monaten Aufenthalt in der Hauptstadt wurde sie von zaristischen Gendarmen enttarnt und verhaftet. In der Zeit des Ersten Weltkriegs wurde sie wegen Antikriegspropaganda von deutschen Machthabern u.a. in den Haftanstalten von Wronke und Breslau gefangen gehalten. Im Herbst 1918 kam sie frei, kehrte nach Berlin zurück und nahm ihre politische Tätigkeit wieder auf. Am 15. Januar 1919 wurden sie und Karl Liebknecht von ihren politischen Widersachern festgenommen und ermordet. Ihre in den Landwehrkanal geworfene Leiche konnte erst nach einigen Monaten geborgen werden.

Wenn sich Rosa Luxemburg auch in einer Reihe von Fragen geirrt hat (so hatte sie z.B. den Sinn des Kampfes um die Unabhängigkeit Polens negiert), so ruft ihr theoretisches Werk auch weiterhin das Interesse und Diskussionen in vielen Ländern hervor, und mit ihrem Leben beschäftigen sich nicht nur die Biographen. Margarethe von Trottas Film „Rosa Luxemburg“ wurde auf dem Filmfestival in Cannes mit dem Preis für die beste Frauendarstellerin geehrt, ihn bekam für die Verkörperung der Titelrolle die Schauspielerin Barbara Sukowa.

Jahr für Jahr besuchen Mitte Januar Tausende das Grab Rosa Luxemburgs auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde. Obwohl seit ihrem Tod beinahe 90 Jahre vergangen sind, bleibt sie eine wichtige Inspirationsquelle für diejenigen, die in ihren Versuchen nicht nachlassen, eine freundlichere, offenere, demokratischere Welt zu suchen, die einem jeden Menschen ganz ähnliche Möglichkeiten und denselben Freiheitsraum garantiert.